Über Geld spricht man doch!

Finanzwissen ist entscheidend für Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung. Leider lernen Kinder in Deutschland kaum fundiertes Wissen über Finanzen. In ihrem Buch zeigen Claudia Müller und Isabel Sorg, wie Eltern ihre Kinder frühzeitig an das Thema Geld heranführen können, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Über Geld spricht man doch – im Interview mit den Autorinnen Claudia Müller und Isabel Sorg

Sie erklären, warum es wichtig ist, mit negativen Glaubenssätzen aufzuräumen und wie man Kinder spielerisch in die Welt der Finanzen einführt.

Ihr habt einen Ratgeber geschrieben, wie man Kindern den Umgang mit Geld beibringen kann. Warum ist es so wichtig, Kinder frühzeitig an das Thema Geld heranzuführen?

Geld bedeutet Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung. Für einen guten Umgang mit Geld braucht es gutes Finanzwissen. Kinder haben in Deutschland aktuell jedoch kaum Gelegenheit, fundiertes Wissen rund um das Thema Geld zu erwerben. Sie lernen vor allem implizit – durch das eigene Elternhaus und ihr Umfeld –, wie Finanzen funktionieren. Würdest du dir für deine Kinder wünschen, dass sie im späteren Leben aus finanziellen Gründen in einem Job oder in einer Beziehung ausharren, die ihnen nicht guttut? Wir auch nicht! Deshalb ist Finanzwissen auch für die Jüngsten so wichtig! Und genau da setzt unser Buch an.

Welche Hemmungen haben wir Eltern – über Geld spricht man nicht?

Den Satz „Über Geld spricht man nicht“ haben wir sicher alle schon einmal gehört und die meisten wohl auch verinnerlicht. Geld zählt immer noch zu den gesellschaftlichen Tabuthemen, was es uns nicht gerade einfacher macht, mit unseren Kindern darüber ins Gespräch zu kommen. Hinzukommt, dass Eltern sich mit der eigenen finanziellen Situation unwohl fühlen können. Vielleicht gibt es Schulden oder es wurden (andere) zweifelhafte finanzielle Entscheidungen getroffen. Sind Eltern nicht das Vorbild, das sie gerne wären oder fühlen sich nicht ausreichend qualifiziert, machen sie ihren Kindern gegenüber lieber einen großen Bogen um das Thema. Wieder andere sind überfordert, wo oder wie sie starten sollen – hinsichtlich ihrer eigenen Finanzen und der Finanzbildung ihrer Kinder. Aber wir sind überzeugt, dass Eltern gemeinsam mit ihren Kindern den Umgang mit Geld lernen und verbessern können.

Was machen unsere negativen Geld-Glaubenssätze mit den Kindern – und wie können wir das besser machen?

Eltern gehören zu den wichtigsten Vorbildern für ihre Kinder. Negative Glaubenssätze zum Thema Geld werden leider oft ungefiltert an die nächste Generation weitergegeben. Stell dir vor, im Kopf deines Kindes gibt es verschiedene Schubladen für verschiedene Themen; so auch zum Thema Geld. In dieser Schublade sammelt dein Kind alles, was es explizit, aber auch implizit zum Thema Geld lernt. Mit diesem Thema konfrontiert, wird dein Kind diese Schublade irgendwann automatisch öffnen und herausnehmen, was es dort drin findet. Stelle also sicher, dass du ihm sinnvolle Dinge für seine Geld-Schublade mitgibst. Aber keine Sorge, Schubladen können auch später nochmal aussortiert oder entrümpelt und mit neuen Erfahrungen gefüllt werden; es kostet allerdings Zeit und Mühe!

Um die Schubladen deiner Kinder nicht zuzumüllen, solltest du zuerst mit deinen eigenen negativen Glaubenssätzen aufräumen. Einen größeren Gefallen kannst du dir und deinen Kindern nicht tun!

Interessieren Kinder sich überhaupt für Geld und Finanzthemen?

Kinder interessieren sich erstmal für alles! Vielleicht nicht so “klassisch” wie wir Erwachsenen uns das vorstellen, sondern eher indirekt und immer in Verbindung mit den individuellen Interessen des Kindes. Ein paar Beispiele: Wenn ein Kind sich eine bestimmte Sache ganz dringend wünscht, wird es sich sehr dafür interessieren, wie sein Wunsch schnellstmöglich Realität werden kann. Eine Steilvorlage also für das Vermitteln von Finanzwissen und auch von etwas Unternehmergeist! Oder wenn ihr beim gemeinsamen Bummeln auf einen obdachlosen Menschen trifft und dein Kind wissen will, warum es Armut überhaupt gibt. Und viele Spielsachen kann man nicht nur im Kinderzimmer, sondern auch im Aktiendepot haben. Wer darauf achtet, findet sie: die vielfältigen Redeanlässe, die wir nutzen können, um das Interesse des Kindes für das Thema Geld gut zu nutzen. Und keine Angst vor der eigenen Ahnungslosigkeit, ihr könnt euch zusammen auf Spurensuche begeben…

Ab welchem Alter sollte man mit der Gelderziehung starten und wie fängt man an?

Es beginnt immer mit dir! Wenn du dich gerne und entspannt mit deinen Finanzen beschäftigst, wird dein Kind das “mit der Muttermilch aufsaugen”. Nimm dein Kind mit zur Bank, sichtet gemeinsam Kontoauszüge, checkt das Depot, lass es dir bei der Steuererklärung über die Schulter schauen. Lass dein Kind teilhaben und somit Stück für Stück in diese Welt hineinwachsen.

Für ein Baby könnt ihr bereits ein Depot anlegen, auf das Geldgeschenke zu Geburt, Taufe und Geburtstag fließen können. Das (z.B. in einen ETF) investierte Geld kann dort bereits für dein Kind arbeiten und später könnt ihr dem Geld dort gemeinsam beim Vermehren zuschauen. Mit Kleinkindern kann man Rollenspiele im Kaufladen prima nutzen, um erste Idee zum Thema Geld zu vermitteln. Spielgeld und auch Brettspiele wie Monopoly können tolle Redeanlässe über die Spielsituation hinaus bieten. Für ältere Kinder mit besonderen Interessen könntet ihr über den Kauf einer Aktie eines Unternehmens oder eines Themen-ETFs nachdenken, die/der den Interessen deines Kindes entspricht bzw. wo ein emotionaler Bezug besteht, z. B. Disney- oder Apple-Aktien oder ein Themenfonds zu künstlicher Intelligenz. Vielleicht investiert ihr in einen ausschüttenden Fonds, der euch bzw. deinem Kind regelmäßig ein Zusatztaschengeld auszahlt für ein gemeinsames Eisessen. Als Faustregel gilt: je besser du das Thema Geld und Finanzen mit den individuellen Interessen deines Kindes verknüpfen kannst, umso erfolgreicher wirst du sein. Eine Fülle weiterer Ideen und Anregungen findest du in unserem Buch. 

Beim Thema Taschengeld scheiden sich oft die Geister. Wie viel Taschengeld sollte mein Kind in welchem Alter bekommen? 

Taschengeld ist ein (beliebtes)Mittel, um jungen Menschen den Umgang mit Geld näherzubringen. Es gibt allerdings keine gesetzliche Pflicht, Taschengeld zu zahlen. In unserem Buch setzen wir uns auch mit der Frage auseinander, ob Taschengeld adultistisch sein kann (Spoiler: Ja, kann es!) und welche Alternativen es gibt. Wenn eine Familie sich entscheidet, Taschengeld zu zahlen, empfehlen wir, sich an offiziellen Empfehlungen zu orientieren und das Kind in diese Überlegungen miteinzubeziehen. Entscheidungen und Absprachen, die man gemeinsam trifft, sind in der Regel tragfähiger. 

Warum sollte man vor allem junge Mädchen mehr mit dem Thema Finanzen vertraut machen? 

Frauen sind beim Thema Finanzen immer noch benachteiligt: Väter reden mehr mit ihren Söhnen über Geld als mit ihren Töchtern. Der Finanzsektor ist in erster Linie von Männern für Männer konzipiert, das heißt, Frauen werden nicht angesprochen. Hinzu kommen die verschiedenen Gender Gaps: Frauen bekommen immer noch 18 % weniger Gehalt als Männer und sind häufiger in Teilzeit erwerbstätig, weil sie die unbezahlte Care Arbeit übernehmen. Logischerweise steht ihnen dadurch insgesamt weniger Geld zum Vorsorgen und Investieren zur Verfügung, was dazu führt, dass Altersarmut weiblich ist. Junge Mädchen dafür zu sensibilisieren und es ihnen mit dem entsprechenden Wissen zu ermöglichen, kluge und selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen, zahlt sich im wahrsten Sinne des Wortes aus. 

Gibt es ein absolutes No-Go bei der Gelderziehung, etwas, dass man seinen Kindern nie sagen oder Vorleben sollte?

Unser größtes No-Go lautet finanzielle Gewalt. Wenn du dich entscheidest, deinem Kind Taschengeld zu geben, dann sollte dieses Geld bedingungslos sein. Zahle es pünktlich und regelmäßig, Streit oder schlechte Noten müssen außen vor bleiben. Taschengeldentzug aus egal welchen Gründen belastet eure Beziehung und signalisiert deinem Kind, dass Geld ein emotional aufgeladenes Druckmittel ist. Das solltest du unbedingt vermeiden.

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